Karrieremarke Senior
Mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben kann man Träume realisieren. Viele wagen Neues und engagieren sich für ihre Mitmenschen
Von Sebastian Blottner
Berndt Heydemann ist studierter Biologe, war Professor in Kiel und bekleidete mehrere Jahre lang das Amt des Umweltministers von Schleswig-Holstein. Er ist Jahrgang 1930. schon Ende der Neunziger Jahre endete seine Hochschultätigkeit und nun steht der achtzigste Geburtstag bevor. Da mag es überraschen, wenn Heydemann klagt, er habe „seit zehn Jahren keinen Urlaub gemacht".
Aber so ist das, wenn man nicht aufhören kann. Vielen, die ins Rentenalter kommen, geht es wie Heydemann. Anstatt endlich einmal in aller Ruhe eine Familienchronik zu erstellen, werden sie umtriebiger denn je, haben nie Zeit und ein großes 'Mitteilungsbedürfnis. Zeit vertrödeln? Fehlanzeige.
Ein Zukunftszentrum gegründet Berndt Heydemann zum Beispiel gründete nach seiner Emeritierung ein inzwischen mit dem höchsten europäischen Umweltpreis ausgezeichnete Zukunftszentrum Mensch - Natur - Technik -Wissenschaft und baute ein Bionik-Kompetenznetzwerk mit derzeit rund 40 Mitarbeitern auf. Als Privatmann kann er endlich in die Praxis umsetzen, was in seinen Jahren als Politiker an Bürokratie oder Haushaltsplan scheiterte. Dafür investiert er sein privates Kapital. „Ich habe 40 Jahre lang gespart, einen Großteil meines Minis-tergehaltes auf die hohe Kante gelegt", so Heydemann. Und wirklich: Finanzielles Gewinnstreben spielt selten eine Rolle, wenn Menschen wie Heydemann bis in ihr hohes Alter aktiv bleiben.
Geld zu verdienen ist nämlich nur die vordergründigste, in der Fachsprache die „manifeste" Funktion der Erwerbsarbeit. Äußerst wichtig für unser seelisches Befinden sind daneben die so genannten „latenten" Funktionen, deren positive Auswirkungen nach Rentenantritt plötzlich ausbleiben, was das eigentliche Problem beim Übergang vom herkömmlichen Erwerbsalltag in den Ruhestand darstellt.
Wichtig im Berufsumfeld ist vor allem die Bestätigung durch andere. Es reicht den Menschen nicht, etwas zu können, sondern diese Kompetenzen möchten wir erfahren und bestätigt sehen und das bringt der reguläre Arbeitsalltag für gewöhnlich mit sich. So erklärt es auch Raimund Schindler, Experte für Arbeitspsychologie an der Humboldt Universität Berlin. „Etwas Wert zu sein, ist eine wesentliche Erfahrung, die eine Arbeit mit sich bringt, wenn diese Art von Bestätigung von heute auf morgen wegfallt, dann birgt das ein großes Un-zufriedenheitspotenzial."
Davor fürchten wir uns intuitiv, und wer es vermeiden kann, umschifft diese Klippe gern, indem er eben weitermacht. Diese Option haben jedoch nur wenige Berufsgruppen. Selbst ein anerkannter Wissenschaftler wie Berndt Heydemann konnte nicht ohne weiteres an der Universität verbleiben, denn Professoren werden nicht mehr unabhängig vom Alter emeritiert, sondern in die ganz gewöhnliche Pension geschickt. Viele gründen dann eigene Firmen oder gar private Hochschulen.
Josef Fellsches, Pädagoge und Philosoph aus Düsseldorf, war ebenfalls schon in dieser Situation. Nachdem er in Rente gegangen war, gründete er die Kooperative QuiVive „zur Förderung des Lebenkönnens". eine philosophische Praxis und ein philosophisches Cafe. „Kurz vor meiner Pensionierung habe ich mich schon gefragt: Was machst du dann? Ich besitze zum Beispiel ein großes Archiv, das für jedermann nachschlagbar sein soll." Also ab ins Netz damit - Fellsches betreibt eine Internetseite. „Geld ist keine Motivation da-bei, ich will meine Erfahrungen zur Geltung bringen. Das erfüllt mich sehr", erzählt er.
Fellsches hat etwas richtig gemacht, das Experten jedem empfehlen, der auf die Rente zugeht: Er hat sich sukzessive neue Aufgaben gesucht. Dazu gibt es die vielfältigsten Möglichkeiten, ob man nun wie Fellsches philosophische Plaudereien organisiert, in einem Chor singt oder ein Ehrenamt antritt. Wichtig ist vor allem, nicht nichts zu tun. Das ist nämlich die größte Falle für an einen ausgefüllten Arbeitsalltag gewöhnte Neu-Rentncr. „Idealerweise sollte man den Arbeitsalltag über einen Zeitraum von zwei Jahren ausgleiten lassen, das heißt, nach und nach weniger arbeiten“, so Schindler. „So kann man sich allmählich an neue Zeitstrukturen gewöhnen und einen allzu abrupten Übergang umgehen."
Obwohl das alles im Prinzip bekannt ist, setzen dies nur wenige um. In anderen Ländern ist man da mitunter weiter, in Finnland beispielsweise ist das allmähliche Ausgleiten allgemein üblich. Nichtsdestotrotz verlangt die demografische Entwicklung weiter gehende Ansätze, um Aktivität im Alter nicht zu diskriminieren, wie es in den entsprechenden Diskussionen durchaus geschehe, so die Meinung des Physikers Ernst Ulrich von Weizsäcker.
Vorreitet Universität
Leben und Arbeiten im Alter ist das zentrale Thema im Forum Alterswissenschaften und Alterspolitik der Frankfurter Goethe-Universität: Seit einigen Jahren geht man neue Wege, indem man Pensionierte flexibel weiter beschäftigt. Damit lebe die Uni vor, „was auch in anderen Bereichen der Gesellschaft nötig wäre", so Gisela Zenz, die das Forum nach ihrer Pensionierung 2004 mitgegründet hat.
Das jahrzehntelang erworbene Wissen ist der große Reichtum älterer Menschen. Wann immer es um erfahrungsabhängige Tätigkeiten geht, die Kenntnisse und Expertise voraussetzen, deren Erwerb viele Jahre dauert, sind sie jüngeren Menschen gegenüber im Vorteil. Hinzu kommt ein Idealismus, der im Alter oft besonders positiv durchschlägt. Wie bei Heydemann: „Was ich mache, ist sehr politisch und wäre ohne Erfahrung gar nicht machbar. Einen ordentlichen Professor, der das wie ich umsonst machen könnte, würde man in Deutschland sonst gar nicht finden".
(Quelle: Stepstone v. 07.11.2009)




